Zu Hause wieder gehen lernen
Die Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg sucht Patienten mit einer teilweisen Querschnittslähmung, die Interesse daran haben, ein neues Heim-Gehtrainingsgerät innerhalb einer wissenschaftlichen Studie zu Hause zu testen. Das Gerät ermöglicht ein intensives Training und setzt die Regenerierung der Nervenbahnen in Gang.
Jährlich erleiden rund 1.200 Menschen in Deutschland eine inkomplette Querschnittslähmung. Eines der wichtigsten Ziele ihrer Rehabilitation ist, wieder gehen zu lernen. "Bei gehbehinderten Patienten stellt jede Form der Verbesserung der Gehfähigkeit einen wesentlichen Gewinn an Lebensqualität dar und erleichtert den Wiedereinstieg ins Berufs- und Privatleben", stellt Prof. Dr. Hans Jürgen Gerner, Direktor der Abteilung II und Leiter des Querschnittzentrums der Orthopädischen Universitätsklinik, fest.
Bislang kaum Trainingsangebote im häuslichen Umfeld
Doch momentan haben die Patienten nur in der Klinik die Möglichkeit, eine intensive und damit effektive Bewegungstherapie an entsprechenden Großgeräten durchzuführen. Im häuslichen Umfeld existieren - abgesehen von der krankengymnastischen Behandlung - kaum Trainingsangebote. Dadurch gehen Erfolge, die während des Klinikaufenthaltes erreicht werden, oft wieder verloren.
Um das zu verhindern, hat die Forschergruppe um Prof. Dr.-Ing. Eberhard P. Hofer und Dipl.-Ing. Markus Knestel (Universität Ulm) und Dr.-Ing. Rüdiger Rupp (Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg) über die letzten zwei Jahren intensiv geforscht, damit den Patienten in Zukunft auch zu Hause eine effektive Bewegungstherapie ermöglicht werden kann.
Gehbewegungen können hundertfach wiederholt werden
Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) aus dem "Innovationswettbewerb zur Förderung der Medizintechnik 2005" wurden inzwischen mehrere Prototypen des Heimtrainers MoreGait entwickelt, mit dem während jeder Therapiesitzung Gehbewegungen hundertfach wiederholt werden können. Bei der konventionellen Gangschulung im Gehbarren sind dagegen nur wenige Dutzend Schritte möglich.
Im MoreGait sind die Patienten aus Sicherheitsgründen in halb liegender Position fixiert. Das Gerät ist mit pneumatischen (mit Luftdruck angetriebenen) Muskeln ausgestattet, die die natürliche Gehbewegung unterstützen. Mit einem speziellen "stimulativen Schuh" kann das Abrollen des Fußes nachgeahmt werden. Dadurch sollen Reorganisationsvorgänge von Nervenstrukturen in Gang gesetzt werden, so dass Patienten allmählich einen Teil ihrer Gehfunktion wieder erlangen können. Während des Trainings "spürt" das Gerät, wie viel Kraft der Trainierende selbst aufbringt und gibt nur so viel Unterstützung wie erforderlich. Der Monitor zeigt an, wie hoch die Unterstützung ist, so dass Gelenke gezielt trainiert werden können.
"Das Hauptziel der Therapie mit dem neuen Gehtrainer besteht im Ausbau und der Unterstützung der während des Klinikaufenthaltes antrainierten Fähigkeiten. Wir erwarten aber auch eine verbesserte Durchblutung, weniger Ödembildung in den Beinen ("dicke Füße") und Gelenkeinsteifungen", erklärt Dr. Rüdiger Rupp, Leiter der Forschungsabteilung des Querschnittzentrums an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg.
Klinische Pilotstudie untersucht Verbesserung der Gehfähigkeit
In einer klinischen Pilotstudie sollen nun erstmals 30 Patienten das Gerät testen. Vor allem soll geklärt werden, welche Rolle die Ausgangssituation für den Therapieerfolg spielt:
Welche Patienten profitieren besonders? Können sich auch Querschnittsgelähmte, die mit Hilfsmitteln höchstens 10 Meter schaffen, verbessern? Bleiben antrainierte Fähigkeiten erhalten oder ist dafür ein wiederholtes Training nötig?
Die Studienteilnehmer sollten folgende Voraussetzungen erfüllen:
* Vor mindestens 12 Monaten wurden Teile ihrer Nervenbahnen im Rückenmark verletzt (keine komplette Querschnittslähmung).
* Bestimmte Beinmuskeln können nur noch eingeschränkt bewegen werden.
* Fähigkeit zum richtigen Aufsetzen der Füße ist nicht vorhanden.
* Gehfähigkeit über kurze Distanzen (10m) nur unter Benutzung von Gehstöcken oder Rollator.
* Die Spastik ist nicht stark ausgeprägt, Hüft-, Knie- und Sprunggelenke können passiv bewegt werden.
Die Studie dauert sechs Monate: In den ersten vier Wochen sind insgesamt drei Untersuchungen in der Klinik notwendig. Danach soll acht Wochen lang 5x pro Woche, 45 Minuten pro Tag zu Hause trainiert werden. Klinische Untersuchungen sind vier Wochen nach Therapiebeginn und zum Abschluss der Therapie vorgesehen sowie 12 Wochen nach Therapieende. Insgesamt fallen sechs Untersuchungstermine in der Klinik an. Ein Fahrtkostenzuschuss für die Besuche in Heidelberg kann gewährt werden. Ein Therapiegerät wird für den häuslichen Gebrauch über einen Zeitraum von acht Wochen zur Verfügung gestellt.
Quelle: Pressemeldung Universitätsklinikum Heidelberg
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