Zappelphilipp-Syndrom weiter auf dem Vormarsch
"Es liegt die Vermutung nahe, dass zu viele Kinder mit den Wirkstoffen regelrecht ruhig gestellt werden sollen und dies über immer längere Zeiträume", sagt Dr. Peter Moormann, Apotheker bei der KKH-Allianz. Nach einer aktuellen Versichertenanalyse der Krankenkasse wurden im vergangenen Jahr 3,8 Prozent der Kinder zwischen sechs und 18 Jahren mit Psychostimulanzien (mit dem Wirkstoff Methylphenidat und Atmoxetin) gegen ADHS behandelt. Im Vergleich zu 2005 (2,5 Prozent) entspricht dies einer Steigerung von 52 Prozent.
Kranke Kinder nehmen mehr Medikamente
Auch der Jahresverbrauch jedes einzelnen gegen ADHS behandelten Kindes ist im gleichen Zeitraum um 18 Prozent gestiegen. Während 2005 noch durchschnittlich 174 Tagesdosen der häufig verschriebenen Stimulanzien je Kind verabreicht wurden, waren es im Jahr 2009 bereits 205 Tagesdosen pro Jahr. "Die Zahlen zeigen, dass kranke Kinder länger bzw. mit höheren Dosen behandelt werden. Der gestiegene Jahresverbrauch pro Kind könnte auf einen sorgloseren Umgang mit den Psychostimulanzien hindeuten", so Dr. Moormann.
Regionale Unterschiede: Rheinland-Pfalz ist Spitzenreiter
Im Bundesländervergleich ist Rheinland-Pfalz Spitzenreiter: 5,6 Prozent der Kinder zwischen sechs und 18 Jahren werden hier gegen ADHS behandelt. Die größte Steigerungsquote verzeichnete das Saarland: Hier verdoppelte sich 2009 der Anteil der betroffenen Kinder im Vergleich zum Jahr 2005. Spitzenplätze beim Arzneimittelverbrauch nehmen Nordhrein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern ein: In den beiden Bundesländern wurden 2009 pro Kind 216 bzw. 215 Tagesdosen der ADHS-Medikamente verabreicht.
Ärzte sollten sich genügend Zeit nehmen
Betroffenen Eltern rät der Arzneimittelexperte, die Therapie ihrer Kinder ausführlich mit dem behandelnden Arzt zu besprechen. "Eine seriöse Diagnose erfordert detaillierte Untersuchungen. Hierfür sollte sich der Arzt genügend Zeit nehmen und gegebenenfalls Experten anderer Fachrichtungen hinzuziehen." Nicht jedes unaufmerksame, zappelige Kind habe gleich ADHS, so Dr. Moormann. "Eine medikamentöse Behandlung sollte in jedem Fall gut überlegt sein. Denn über langfristige Nebenwirkungen von Psychostimulanzien ist noch zu wenig bekannt."
Über das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS)
ADHS bzw. ADS wird eine schon im Kindesalter beginnende psychische Störung genannt. Die auch als Zappelphilipp-Syndrom bekannte Erkrankung äußert sich durch hyperaktives Verhalten. Betroffene haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, sind ständig unruhig und fallen zum Beispiel in der Schule durch Störverhalten auf. Ursache ist eine fehlerhafte Informationsverarbeitung zwischen verschiedenen Hirnabschnitten. Die Krankheit kann genetisch bedingt sein.
Quelle: Pressemeldung KKH-Allianz
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