Prof. Bert Rürup im Live-Chat auf krankenkasse.de

13.11.2003 | Dortmund
"Eigenbeteiligung darf kein reines Finanzierungsinstrument werden"

Direkt nach der Übergabe des Sachverständigengutachtens an den Kanzler eilte Prof. Bert Rürup, einer der fünf Wirtschaftsweisen zum Chat-Termin des Verbraucherforums krankenkasse.de. Die Gesundheitsreform sei kein großer Wurf, hatten die fünf Weisen kurz vorher festgestellt und Rürup sparte auch beim Chat nicht mit Kritik an dem beschlossenen Gesetz.

Eigenbeteiligungen seien durchaus sinnvoll, so der Vorsitzende der Rürup-Kommission, aber nur dann, wenn sie den Versicherten zu einem kostensparenden Gesundheitsverhalten anhielten. Bei verhaltensunabhängigen Zuzahlungen, wie im Fall der Sehhilfen, handele es sich um reine Finanzierungsinstrumente, die nicht die Gesundheitskosten senkten, sondern einen größeren Teil der Kosten einfach auf die Kranken umverteilen würden.

Zur Kostensenkung bedürfe es vor allem mehr Wettbewerb auch unter den Leistungserbringern - z.B. zwischen den Ärzten, aber auch im Bereich der Arzneimittelherstellung und des Vertriebs. "Nicht die Art der Finanzierung, sondern nur die Wettbewerbsintensität bestimmt die Wirtschaftlichkeit des Gesundheitssystems". Leider habe man die Ansätze für mehr Wettbewerb dem politischen Konsens geopfert.

Hoffnung setzte Rürup auf die mittelfristige Umsetzung des von ihm favorisierten Prämienmodells, dem sich in der vergangenen Woche auch die CDU angenähert habe. "Das Gesundheitsprämienmodell will die Gesundheitskosten vollständig von den Arbeitskosten abkoppeln", so Rürup. Steigende Gesundheitskosten würden damit nicht automatisch auch zu steigenden Lohnkosten führen. Die mit dem Prämienmodell einhergehende höhere Belastung von Geringverdienern müsse über das staatliche Steuersystem erfolgen. Sozialreformen seien daher auch immer Verteilungspolitik mit Gewinnern und Verlierern. "Die größte soziale Ungerechtigkeit ist aber unsere anhaltende Massenarbeitslosigkeit".

Rürup ist sich auch der Schwächen der diskutierten Modelle bewusst. Das Problem der Bevölkerungsalterung könne weder durch die Bürgerversicherung noch durch das Pauschalprämienmodell gelöst werden, so seine Antwort auf die Frage nach dem demographischen Faktor. Der dafür nötige Umstieg in eine Kapitaldeckung sei jedoch mit sehr hohen Zusatzlasten und beachtlichen Verteilungsproblemen verbunden.

Das vollständige Chat-Protokoll und Hintergrundinformationen zu den unterschiedlichen Reformmodellen finden Sie unter www.krankenkasse.de.

Quelle: Pressemeldung BundesInnungskrankenkasse Gesundheit, kurz: BIG direkt gesund

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