Palliativversorgung: Hausärzte zwischen Engagement und Realität
Gleichzeitig präsentiert die Politik mit der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung eine neue Versorgungsform, in der Hausärzte nicht vorkommen. Einig waren sich alle darin, dass Kommunikation und Kooperation in der Palliativversorgung unverzichtbar sind - eine Forderung, die Hausärzten die entlastende Möglichkeit bietet, anspruchsvolle Palliativsituationen im Team bis zu Ende zu begleiten.
Veranstaltet wurde das Hausärztesymposium vom beta Institut für angewandtes Gesundheitsmanagement, Augsburg. Gastgeber war die betapharm Arzneimittel GmbH - Geschäftsführer Dr. Wolfgang Niedermaier erklärte dazu: "Die Palliativversorgung ist ein Thema mit zunehmender Brisanz für die Hausärzte. Die Herausforderung ist, zu handeln und Lösungen zu finden - Lösungen zum Wohle der Patienten und Angehörigen." Für Moderator Dr. Eckhard Eichner, Anästhesist und Palliativmediziner am Klinikum Augsburg, war es ein Muss, dass gute ambulante Palliativversorgung nur auf der Basis hausärztlicher Versorgung funktionieren kann. Für den Gegensatz zwischen Klinik und ambulanter Versorgung gab er den Symposiumsteilnehmern "Kommunikation, Kommunikation und Kommunikation" mit auf den Weg, zitiert nach dem Münchner Palliativmediziner Prof. Gian Domenico Borasio.
Das Hauptprogramm des Hausarztsymposiums fand am Samstag dem 7. Juni im Kurhaus Augsburg-Göggingen vor rund 100 Teilnehmern statt. Den Auftakt machten bereits am Freitag dem 6. Juni drei parallele Workshops mit Experten: Dr. Thomas Nolte, Leiter des Schmerz- und Palliativzentrum Wiesbaden stellte die "Herausforderungen in der Schmerztherapie" vor. Die Hausärztin Dr. Brigitte Hoffmann fragte mit ihren Workshop-Teilnehmern: "Gutes Sterben - gibt es das?". Dr. Uwe Junker, Chefarzt der Abteilung "Spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin" im Sana-Klinikum Remscheid diskutierte "Palliativmedizinische Therapiekonzepte".
Hausärztliche Palliativversorgung ist eine Haltung
Für die Hausärztin und Vorsitzende des Hospiz Vereins Erlangen Dr. Brigitte Hoffmann sollte Palliativversorgung mit einer Haltung beginnen. In einem ungewöhnlichen Einstieg erinnerte sie das Auditorium an das ärztliche Gelöbnis. In ihrem Referat stellte Dr. Hoffmann die Grundsätze der hausärztlichen Sterbe-/ Symptomkontrolle kurz und praktikabel dar. Basis sei die richtige Diagnose, die als "Diagnose Sterben" auch gestellt und kommuniziert werden müsse. Wichtige juristische Begriffe wie Patientenverfügung und Einwilligungsfähigkeit erläuterte sie im Kontext ärztlichen Handelns. Die Hausärztin bekannte sich dazu, dass Sterbebegleitung mehr als Medizin sei und das Wohl des Patienten es auch erfordere, bei entsprechender Diagnose das Therapieziel zu ändern. Abschließend stellte sie ihren Palliativnotfall-Koffer mit einem guten Dutzend Medikamenten vor, mit dem nahezu alle medizinischen Krisensituationen bei Palliativpatienten beherrschbar seien.
Herausforderungen und Entwicklungen in der Schmerztherapie
Zwei Referenten bedienten den Themenblock Schmerztherapie. Dr. Thomas Nolte, Leiter des Schmerz- und Palliativzentrums Wiesbaden, brachte die "Herausforderungen in der Schmerztherapie" auf den Punkt. Einleitend kritisierte er den Status quo, dass viel zu viele Jahre verstreichen, bis chronische Schmerzpatienten den Weg zum Spezialisten finden. Anstelle der starken Sektionierung im deutschen Gesundheitswesen forderte der Schmerzspezialist koordinierte, aufeinander abgestimmte, interdisziplinäre Versorgungskonzepte. In seinen neun Tipps zur Prävention der Schmerzchronifizierung führte er unter anderem die verschiedenen Schmerzqualitäten aus, thematisierte medizinische Fallstricke und machte den Teilnehmern bewusst, dass Zeit für den Patienten und der Blick auf dessen psychosoziale Situation unabdingbar sind. Moderne Schmerzmedizin charakterisierte Dr. Nolte als medizinisch überfällig, ethisch unverzichtbar und ökonomisch notwendig.
Dr. Uwe Junker, Chefarzt der Abteilung "Spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin" im Sana Klinikum Remscheid, stellte das WHO-Stufenschema mit Schwerpunkt auf neuen Interpretationen und Weiterentwicklungen vor. Seit seiner Einführung 1986 hat das Stufenschema eine standardisierte Behandlungsqualität gefördert. Aber es entwickelt sich weiter und darf heute nicht mehr als zwanghaftes Schema befolgt werden. So kann bei entsprechenden Tumorschmerzen durchaus auch mit einem stark wirksamen Opioidanalgetikum der Stufe 3 eingestiegen werden. Dr. Junker erläuterte mit zahlreichen konkreten Therapieempfehlungen den differenzierten Einsatz von unterschiedlichen Opioiden und betonte die Bedeutung der Bedarfsmedikation in der ambulanten Palliativversorgung. Der Palliativmediziner problematisierte das Fehlen eines schnell genug wirkenden Analgetikums bei Durchbruchschmerzen, die bereits nach drei Minuten ihren Höhepunkt erreichen.
Neuerungen, praktische Möglichkeiten und Grenzen der ambulanten Palliativversorgung
Einen dreigeteilten Vortrag hielt Prof. Dr. Eberhard Klaschik, erster Inhaber einer Stiftungsprofessor für Palliativmedizin in Deutschland. Ausführlich erläuterte er zunächst die Bestimmungen der neuen Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV), die voraussichtlich zum 1. Juli 2008 in der Praxis eingeführt werden kann. An Fallbeispielen erklärte er im zweiten Teil die Arbeit und Struktur des Ambulanten Palliativdienstes Bonn und wies insbesondere auf das Spannungsfeld von Fürsorge und Patientenselbstbestimmung hin. Auch wenn er im dritten Teil die "Grenzen der Palliativmedizin" offenlegte, versäumte Prof. Dr. Klaschik es nicht, seine von langjähriger Erfahrung und hohem Anspruch geformte Sicht zu vertreten: "Palliativmedizin bedeutet für mich, dort, wo die Grenzen sind, alles möglich zu machen."
Hessische Leitlinien zur Palliativversorgung
Dr. Christoph Ostgathe, Leitender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin an der Universitätsklinik Köln, stellte abschließend die Arbeit der Leitliniengruppe Hessen vor. Die Leitlinie Palliativversorgung wurde aufgrund ärztlicher Praxiserfahrungen entwickelt, wird seit einem Jahr angewandt und laufend auf ihre Praxistauglichkeit evaluiert und angepasst. Ziel sei die kontinuierliche Leitlinienweiterentwicklung, wobei die zentrale Herausforderung die Beschreibung von Qualitätsindikatoren in der Palliativversorgung sei.
Im Zusammenhang mit der neuen SAPV wünschte Dr. Ostgathe sich, dass keine "Schnittstellen" zur vorhandenen Versorgung entstünden, sondern dass es im Sinne des Patienten fließende Übergänge gebe. Diese Leitlinie kann unter www.pmvforschungsgruppe.de > Publikationen > Leitlinien heruntergeladen werden.
Quelle: Pressemeldung betapharm Arzneimittel GmbH
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