"Ohren brauchen Ruhe, um gesund zu bleiben."

23.04.2009 | Hamburg
HNO-Arzt und DAK-Experte Dr. Gernot Hermanussen im Interview

Frage: DAK-Daten zeigen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche ein Hörgerät brauchen. Eine besorgniserregende Entwicklung, oder?

Dr. Hermanussen: Leider ja. Schwerhörigkeit ist eben keine Frage des Alters und die Menschen mit einer verminderten Hörfähigkeit und Tinnitus werden tatsächlich immer jünger. Fakt ist, dass der Mensch pro Ohr 18.000 Hörzellen hat. Werden diese geschädigt und sterben ab, wachsen keine neuen mehr nach. Fatal ist, dass Kinder und Jugendliche lange Zeit nichts merken. Hörschäden entwickeln sich langsam und tun nicht weh. Wenn sie es dann bemerken, ist es meist zu spät: Ein Tinnitus und Innenohr- Hörschäden, die bereits seit einiger Zeit bestehen, sind nicht heilbar.

Frage: Ist das Gehör von Kindern denn empfindlicher als von Erwachsenen?

Dr. Hermanussen: Ja. Bis zum fünften Lebensjahr reagiert das kindliche Ohr wesentlich sensibler auf Lärm als das erwachsene Gehör. Während sich das Innenohr eines Kleinkindes nicht von dem eines Erwachsenen unterscheidet, ist das äußere Ohr mit Ohrmuschel und Gehörgang viel kleiner. Musik, die kleine Kinder beispielsweise über Kopfhörer hören, kommt bei ihnen bei gleicher Lautstärkeeinstellung viel lauter an. Das liegt am geringeren Volumen des Gehörganges.

Frage: Was passiert denn, wenn Kinder zu viel Lärm ausgesetzt sind?

Dr. Hermanussen: Eine zu hohe Lärmbelastung kann schon bei Säuglingen zu Hörschäden oder zu Ohrgeräuschen führen. Spielzeugpistolen, Knallfrösche, Babyrasseln oder Spielzeughandys, die dicht ans Ohr gehalten werden, können so laut sein, dass auf die Dauer ein nicht mehr heilbarer chronischer Hörschaden entsteht. Kindern sollten Mütter und Väter immer nur solche MP3-Geräte oder

CD-Player kaufen, die mit einem nicht abstellbaren Lautstärkenbegrenzer ausgestattet sind.

Frage: Damit sich die Kleinen nicht an die Lautstärke gewöhnen, oder?

Dr. Hermanussen: Richtig. Ab etwa 14 Jahren verfestigen sich die Hörgewohnheiten. Deshalb sollten Eltern schon frühzeitig darauf achten, dass ihre Kinder so genannte Lärmpausen einlegen. In Kinderzimmern wird es aufgrund des akustischen Spielzeugs zunehmend lauter. Ohren brauchen aber auch mal Ruhe, um auf Dauer gesund zu bleiben. Mütter und Väter sollten deshalb ihren Nachwuchs daran erinnern, dass sie nach einem Discobesuch nicht sofort wieder laute Musik vom MP3-Player hören oder die Stereoanlage im Auto laut aufdrehen.

Frage: Hörstörungen sind zum Teil ja auch angeboren.

Dr. Hermanussen: Ganz wichtig ist deshalb das so genannte Hörscreening, das kurz nach der Geburt bei der U1 bzw. spätestens bei der U2 (3. bis 10. Lebenstag) erfolgt. Mit Hilfe moderner Messmethoden können Kinderärzte oder HNO-Ärzte schon bei Neugeborenen mögliche Hörschäden feststellen. In Deutschland wird etwa eines von 1000 Kindern mit einer beidseitigen Hörstörung geboren.

Frage: Können eigentlich auch Krankheiten schwerhörig machen?

Dr. Hermanussen: Eine Mittelohrentzündung muss schnell behandelt werden, da diese nicht nur schmerzhaft ist, sondern später auch zu Hörschäden führen kann. Das wissen viele Eltern aber nicht. Deshalb sollten Eltern die U-Untersuchungen, in deren Rahmen Hörtests stattfinden, unbedingt wahrnehmen. Generell gilt: Eltern, die den Verdacht haben, dass ihr Kind schlecht hört, sollten schnell zum HNO-Arzt oder zu ihrem Kinderarzt gehen. Je früher Defizite erkannt werden, desto besser können sie behandelt werden.

Frage: Warum sollen Eltern so schnell handeln?

Dr. Hermanussen: Das Hören ist Grundlage für die normale Sprachentwicklung. Nicht erkannte Hörstörungen können zu gravierenden Störungen der Sprachentwicklung führen, die später Lern- und Verhaltensstörungen nach sich ziehen können.

Quelle: Pressemeldung D A K - Unternehmen Leben

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