Neues Versorgungsnetzwerk für Frühgeborene und ihre Familien

19.03.2009 | Hannover
Studie untersucht 85 % der kleinsten Frühgeborenen in Niedersachsen. Erstmals in Deutschland wurden 250 kleinste Frühgeborene im Alter von zwei Jahren flächendeckend nachuntersucht. Die niedersachsenweite Studie liefert damit aussagekräftige Informationen über die Entwicklung und die Chancen extrem kleiner Frühgeborener. 60 Prozent aller kleinsten Frühgeborenen in Niedersachsen weisen Entwicklungsdefizite auf.

21 Prozent der Kinder gelten als deutlich entwicklungsauffällig, 39 Prozent wurden als auffällig eingestuft und nur 40 Prozent der Kinder sind unauffällig. Das ist das Ergebnis von hochwertigen, standardisierten Nachuntersuchungen, die bei überlebenden Frühchen durchgeführt wurden. Durchschnittlich wiegen diese Kinder bei ihrer Geburt nur zwischen 500 und 1 000 Gramm.

Die Langzeitstudie bietet die große Chance, bei allen in Niedersachsen versorgten kleinsten Frühgeborenen mögliche Entwicklungsverzögerungen rechtzeitig zu erkennen und so die richtige Therapie zum richtigen Zeitpunkt einzuleiten. Von Wichtigkeit ist der Aufbau eines Versorgungsnetzwerks, das Frühgeborene und ihre Eltern professionell unterstützt", betont Dr. med. Wolfgang Voss, Oberarzt im Sozialpädiatrischen Zentrum in Hannover. Als Kooperationspartner des Projekts stellt das Kinderkrankenhaus auf der Bult im Sommer 2009 die ersten Ergebnisse einer abschließenden Zehnjahres-Nachuntersuchung vor. Im Herbst 2009 starten dann die ersten flächendeckenden Fünfjahres-Nachuntersuchungen. "Die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet, da zu diesem Zeitpunkt noch Teilleistungsstörungen erkannt und therapeutische Maßnahmen für entwicklungsverzögerte Kinder noch vor der Einschulung auf den Weg gebracht werden können. Dies ist besonders für die Eltern der Frühstgeborenen von großer Bedeutung", erläutert Professor Dr. med. Karsten Harms, Chefarzt der Kinderklinik im Klinikum Hildesheim.

Bisher fehlten gesicherte langfristige Erkenntnisse bezüglich des Entwicklungsverlaufs ehemals sehr kleiner Frühchen. Die bereits vorgelegten Zwischenergebnisse bekräftigen die Forderung des Bundesverbandes nach koordinierter Betreuung von Frühgeborenen mit weniger als 1 500 Gramm Geburtsgewicht im Anschluss an die Entlassung aus der stationären Behandlung", erklärt Silke Mader, Vorsitzende des Bundesverbandes "Das frühgeborene Kind", der seit vergangenem Herbst mit dem Projekt kooperiert. "Die mittlerweile im Rahmen der Projektarbeit intensivierte Kommunikation und Vernetzung aller Beteiligten führte im dritten Projektjahr zu einer sensationellen Steigerung der Erfassungsrate auf 85 Prozent der vor der 28. Schwangerschaftswoche geborenen Frühchen", sagt Dr. med. Gerd Pommer, Vorsitzender des Vereins "QualitätsInitative - Niedersächsischer Verein zur Förderung der Qualität im Gesundheitswesen"(QI).

Besondere Herausforderungen sind zum einen eine verbesserte Diagnostik der kognitiven Entwicklung von ehemaligen extremen Frühgeburten. Ferner müssen noch mehr Anstrengungen unternommen werden, die Ursachen für extreme Frühgeburten zu identifizieren und die Geburt sehr unreifer Kinder zu verhindern. Jeder weitere Tag im Mutterleib ist ein Gewinn für das Kind und vermindert die Risiken für seine Entwicklung", unterstreicht Dr. med. Gisbert Voigt, Vizepräsident der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) und niedergelassener Kinderarzt in Melle. Das Projekt, das Nachuntersuchungsergebnisse der betroffenen Kinder nach sechs Monaten, zwei, fünf und zehn Jahren auswertet, wird vom Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen (ZQ), einer Einrichtung der ÄKN, betreut. "Das Projekt bewirkt eine Optimierung der Versorgungskette und verfolgt erstmalig den Ansatz einer sektorübergreifenden Qualitätsentwicklung in der Geburtshilfe, Neonatologie und Entwicklungsförderung" sagt Dr. phil. Brigitte Sens, Leitung des ZQ.

Hauptförderer der Langzeitstudie der QualitätsInitative - Niedersächsischer Verein zur Förderung der Qualität im Gesundheitswesen e.V. (QI) ist die Kaufmännische Krankenkasse (KKH). In die Nachuntersuchung der Frühchen hat die KKH-Allianz schon rund 88 000 Euro investiert: "Wir sind von der Studie überzeugt. Nur wenn wir wissen, wo Therapie und Unterstützung ansetzen müssen, können wir den kleinen Patienten nach ihrem schweren Start ins Leben helfen", erklärt Dr. Elisabeth Siegmund-Schultze, Gynäkologin und Abteilungsleiterin bei der KKH. Unterstützt wird das Projekt zudem von Bundesfamilienministerin Dr. med. Ursula von der Leyen als Schirmherrin sowie von der Techniker Krankenkasse (TK). Nach Angaben der TK kostet die Behandlung eines Frühchens durchschnittlich rund 31 000 Euro im Krankenhaus, doch es gibt kaum Fakten zu nachfolgend notwendigen Therapien und deren Kosten. "Wir hoffen nun, mit den standardisierten Nachuntersuchungen einen zielgenaueren Einsatz von zum Beispiel Ergotherapie, Krankengymnastik und Logopädie zu erreichen. Wir erwarten nicht nur bei den genannten Maßnahmen einen effizienteren Einsatz, sondern insgesamt eine verbesserte Versorgung und eine verbesserte Lebensqualität und Lebensperspektive der betroffenen Kinder", betont Ernst Thiel, Leiter der TK-Landesvertretung Niedersachsen.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter: www.aekn.de/

Quelle: Pressemeldung KKH-Allianz

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