Hufeland-Preis 2007

19.03.2008 | Köln
Hufeland-Preis für eine verbesserte Prävention bei berufsbedingten Hautkrankheiten und Allergien

Mit einem Festakt im Kölner Gürzenich ist am 19.März 2008 der Dermatologe Prof. Dr. Swen Malte John, Universität Osnabrück und BG-Unfallkrankenhaus Hamburg, mit dem Hufeland-Preis 2007 ausgezeichnet worden. Er erhielt den mit 20.000 Euro dotierten Preis für wegweisende neue Präventionskonzepte für Menschen mit berufsbedingten Hauterkrankungen und Allergien ("Osnabrücker-Modell"). Der von der Deutschen Ärzteversicherung AG, Köln, gestiftete und von der Bundesärztekammer und der Bundeszahnärztekammer, beide Berlin, sowie der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V., Bonn, mitgetragene Preis hat das Ziel, die Präventivmedizin in Deutschland zu fördern. Erstmals seit 1959 geht diese bedeutendste deutsche Auszeichnung für präventivmedizinische Forschung in die Dermatologie; dies spiegelt die in letzter Zeit zunehmend breiter werdende Palette dermatologischer Präventionsangebote wieder, von denen sich viele mit Impulsen aus Osnabrück verbinden. Wie der Preisträger in einem Pressegespräch anlässlich der Preisverleihung erklärt, sind Hauterkrankungen und Allergien die mit Abstand häufigsten berufsbedingten Erkrankungen in der Bundesrepublik und sämtlichen westlichen Industrieländern. Allein in Deutschland verursachen sie volkswirtschaftliche Folgekosten von über 1,5 Milliarden Euro jährlich. In bis zu einem Viertel der gemeldeten Verdachtsfälle führen sie zu Arbeitsplatzverlust. Neben den gravierenden sozioökonomischen Konsequenzen für die Betroffenen verursachen Umschulungen auch erhebliche Kosten für die gesetzliche Unfallversicherung; hier ist der sozialpolitisch sensible Bereich der Lohnnebenkosten ebenso berührt wie die Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben. Presseerklärung Hufeland-Preis In Osnabrück werden seit über 10 Jahren Präventionsangebote auf allen Ebenen der berufsdermatologischen Prävention interdisziplinär entwickelt, die nach aktuellen Daten in einzelnen Risikoberufen, die zunächst Gegenstand der Forschungen waren, wie dem Friseurgewerbe und dem Gesundheitssektor, bereits zu einer erheblichen Senkung der Erkrankungszahlen beitragen konnten. Folgerichtig werden die in Osnabrück wissenschaftlich begründet und entwickelten bzw. begleiteten Präventionskonzepte derzeit durch die gesetzliche Unfallversicherung bundesweit umgesetzt und stehen inzwischen allen Beschäftigten offen: Zum Beispiel der neue Hautarztbericht, ergänzende ambulante Beratungsseminare (sekundäre Individualprävention) und das "Osnabrücker Modell" des stationären Heilverfahrens (tertiäre Individualprävention). "Vorrangiges Ziel war es, je nach Bedürftigkeit "passende", auf einander abgestimmte und sinnvoll gestufte Präventionsangebote für Menschen mit berufsbedingten Hauterkrankungen und Allergien zu entwickeln, damit alles heute Mögliche frühzeitig unternommen werden kann, um Gesundheit und Arbeitsplatz zu erhalten", erklärt der Preisträger. "Deshalb sind wir auch darüber froh, zurzeit im Verbund mit anderen Universitäten und BGlichen Krankenhäusern die Nachhaltigkeit der entwickelten Konzepte in bundesweiten Forschungsvorhaben weiter evaluieren zu können", so John. "Entsprechend war es auch nur folgerichtig, dass wir kürzlich eine Kooperation mit einem führenden Zentrum für Rehabilitation, dem Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus Hamburg herstellen konnten". Jedem Beschäftigten mit einer möglicherweise berufsbedingten Hauterkrankung steht in der Bundesrepublik das so genannte Hautarztverfahren offen. Eine kürzliche Osnabrücker Pilotstudie zum Hautarztverfahren im Norddeutschen Raum ergab eine signifikante Verbesserung des Informationsflusses durch eine auf aktuellen Erkenntnissen basierende Neukonzeption des Hautarztverfahrens. Hinzu kommen ambulante interdisziplinäre Beratungsangebote für Betroffene: 2-tägige interdisziplinäre Schulungs- und Beratungsseminare zu allen Fragen des Hautschutzes. Diese in Osnabrück mit den Berufsgenossenschaften entwickelten und jetzt zunehmend bundesweit angebotenen gesundheitspädagogischen und dermatologischen Seminarangebote verstehen sich als Presseerklärung Hufeland-Preis Ergänzung zur Behandlung durch die Dermatologen am Heimatort und werden in enger Zusammenarbeit mit diesen durchgeführt. Die Konsequenz, mit der die Studienergebnisse derzeit umgesetzt werden, signalisiert, dass die gesetzliche Unfallversicherung erkannt hat, dass nur rasche und unbürokratische Hilfe an der nach wie vor beunruhigend hohen Zahl berufsbedingter Hauterkrankungen künftig etwas ändern kann. Hierzu gehört auch, dass in den letzten Jahren das interdisziplinäre stationäre Heilverfahren nach dem Osnabrücker Modell ("Tertiäre Individualprävention"=TIP) für Menschen mit schweren Berufsdermatosen an Bedeutung gewinnt. Von Oktober 1994 bis März 2008 nahmen über 3000 Betroffene dieses Angebot war. Im Zuge der jetzt vorliegenden ersten Langzeitevaluation der Maßnahme konnte gezeigt werden, dass in der Osnabrücker Kohorte ein Jahr nach Einleitung der TIP 66% der bisher nachbefragten 1164 Patienten mit schwerem Handekzem (die in der Vergangenheit nahezu ausnahmslos den Arbeitsplatz verloren hätten) durch die Maßnahme im Beruf verbleiben konnten. Die Patienten gehen aus der stationären Behandlung "nahtlos" in die ambulante Weiterbetreuung durch den Dermatologen am Heimatort über. Nach den aktuellen Forschungsergebnissen war der Berufsverbleib unabhängig von der Art des ausgeübten Risikoberufs (z. B. Alten- und Krankenpflege, Zahntechnik, Physiotherapie, Friseur, Metallberufe, Kfz, Bau, Backgewerbe, Köche, Gaststätten, Reinigung), aber abhängig vom Alter der Patienten zum Zeitpunkt der Maßnahme. Mit größerer Lebens- und Berufserfahrung wächst die Motivierbarkeit für konsequenten Hautschutz am Arbeitsplatz sowie zu hause und damit die Wahrscheinlichkeit des Berufsverbleibs. John: "TIPMaßnahmen erweisen sich für Patienten jenseits des 30. Lebensjahres als besonders wirksam; für Menschen also, für die sich berufliche Alternativen auf dem gegenwärtigen Arbeitsmarkt nur eingeschränkt bieten würden". Diese Beobachtung unterstreicht die sozialpolitische Dimension von TIP-Maßnahmen. Die Weiterentwicklung dieses interdisziplinären und stationär-ambulant vernetzten Heilverfahrens erfolgt derzeit im Rahmen einer bundesweiten Multicenterstudie. "Bereits jetzt ist festzustellen", so John, "dass es sich bei dem Osnabrücker Modell um einen funktionierenden Ansatz einer integrierten Versorgung im Verbund von Kliniken und Praxen handelt." Presseerklärung Hufeland-Preis Die Forschungen der Osnabrücker Arbeitsgruppe stellen eindrucksvoll unter Beweis, welche bedeutenden Verbesserungen sich durch Prävention für Menschen mit beruflichen Hauterkrankungen erzielen lassen. Es wird allerdings auch deutlich, dass Prävention erst im Zusammenwirken unterschiedlicher Disziplinen und Institutionen perfekt gedeihen kann. John: "Chronische (Haut-)Erkrankungen sind - das ist die Botschaft - nicht allein Sache der Medizin." Es ist zunehmend Aufgabe von Ärzten und Gesundheitspädagogen, Aufklärung zu betreiben, dafür zu sorgen, dass medizinische Kenntnisse über ein gesundheitsbewußteres Verhalten Eingang in Schule, Beruf und Gesellschaft finden. Hier geht es auch darum, sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu erreichen, die oft Gesundheit weniger in den Vordergrund stellen; interdisziplinäre Prävention mit dem Ziel der Stärkung der Eigenverantwortlichkeit hat hier eine besondere ethische Dimension. Dass solche Ansätze - im Zusammenwirken verschiedener Disziplinen (Hautärzte, Arbeitsmediziner, Gesundheitspädagogen und Gesundheitspsychologen, Ergotherapeuten) und von Praxen und Kliniken (Integrierte Versorgung) - funktionieren, lässt sich am Beispiel der berufsbedingten Hautkrankheiten belegen. John: "Die vermeintliche "Lappalie Hauterkrankung" ist alles andere als das! Unzureichend versorgte Handekzeme sind hartnäckig. Hände sind unsere Kontaktorgane, wenn sie stark gerötet und geschwollen sind, schuppen, nässen, sogar bluten führt das auch zu gravierenden Problemen im sozialen Umfeld". Durch Berufsekzeme und -allergien bedingte lange Arbeitsunfähigkeitsphasen ziehen nur allzu oft das Abrutschen in prekäre Beschäftigungsverhältnisse oder gar Langzeitarbeitslosigkeit mit der Folge erheblicher Einkommenseinbußen und dem Verlust eines zentralen identitätsstiftenden Lebensbereichs nach sich. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) hat von allen Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung den höchsten Anteil Versicherter mit Berufsdermatosen. Bei der BGW sind die Kosten für berufliche Rehabilitationsmaßnahmen bei Hauterkrankungen in den letzten 12 Jahren mit zunehmender Umsetzung der genannten - mit der Osnabrücker Arbeitsgruppe entwickelten - Präventionsmaßnahmen um über 60% gesunken: von 35,5 Millionen Euro im Jahr 1998 auf 13,3 Millionen Euro im Jahr 2006. In Presseerklärung Hufeland-Preis gleichem Umfang ist die Häufigkeit berufsbedingter Hauterkrankungen bei den Versicherten zurückgegangen. Parallel sind die Beiträge der Arbeitgeber für die gesetzliche Unfallversicherung in dem prototypischen Risikoberuf "Friseurgewerbe" um über 60 % gesunken; hier sind Lohnnebenkosten unmittelbar berührt. Das sozio-ökonomische Potenzial von Prävention wird hier deutlich: Verbesserungen der Leistungen für den Einzelnen und Maßnahmen zum Erhalt der Gesundheit und des Arbeitsplatzes sind bei gleichzeitiger Senkung von Kosten für die Solidargemeinschaft erreichbar. "Es sind in letzter Zeit so viele Angebote in der Dermatologie geschaffen worden, dass es bedauerlich ist, dass sie noch nicht von allen Betroffenen wahrgenommen werden. Es empfiehlt sich, zum Hautarzt zu gehen und sich beraten zu lassen, wenn man den Verdacht darauf hat, dass eine Hauterkrankung mit dem Beruf zusammenhängen könnte. Eine Überweisung ist nicht erforderlich, auch die Praxisgebühr fällt nicht an, wenn sich herausstellt, dass es sich tatsächlich um eine berufsbedingte Hauterkrankung handelt", so John. Um Menschen auf die verbesserten Möglichkeiten, die es in der dermatologischen Prävention gibt, aufmerksam zu machen, haben die gesetzliche Unfall- und Krankenversicherung kürzlich die "Präventionskampagne Haut 2007-2008" ins Leben gerufen. Sie wirbt für einen bewußteren Umgang mit dem größten Organ des Menschen ("Deine Haut - Die wichtigsten 2 m² Deines Lebens"). Es handelt sich um das erste trägerübergreifende präventivmedizinische Großprojekt in der deutschen Sozialversicherung. Diese Initiative unterstreicht, welches Potenzial man Präventionsmaßnahmen bei Hautkrankheiten und Allergien für die Gesundheitsförderung in Deutschland aktuell beimisst. Die Kampagne wird durch die Osnabrücker Arbeitsgruppe wissenschaftlich begleitet.

Quelle: Pressemeldung Deutsche Ärzteversicherung

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