Auf zwei Beinen steht man besser - Das "gute" Cholesterin: bislang viel zu wenig geachtet

12.11.2004 | Darmstadt
Um ihre Patienten vor schweren Gefäßerkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall zu schützen, haben sich die Ärzte bislang vorrangig darauf konzentriert, das "schlechte" Cholesterin zu senken. Für eine optimale Behandlung ist dies aber offenbar zu wenig.

Ergebnisse einer brandneuen Studie - nun erstmals vorgestellt auf der Jahrestagung der American Heart Association in New Orleans - machen dies deutlich: Erhalten Risikopatienten eine Behandlung, die sowohl das "schlechte" Cholesterin senkt als auch das "gute" Cholesterin steigert, so sind deutlich bessere Erfolge zu erzielen, als wenn allein das "schlechte" Cholesterin gesenkt wird. Dass dem tatsächlich so ist, davon konnte man sich nun bei einer von dem Unternehmen Merck Pharma GmbH veranstalteten Video-Live-Konferenz in Frankfurt überzeugen.

Um die Bedeutung des "guten" Cholesterins - dem sogenannten HDL (High-density lipoprotein)-Cholesterin weiß man nicht erst seit heute. So haben Ergebnisse großer Bevölkerungsstudien längst gezeigt, dass Menschen mit niedrigem HDL-Cholesterin ein sehr viel höheres Risiko tragen, eine Herzerkrankung zu erleiden und an dieser zu sterben als Menschen mit hohem HDL-Cholesterin. Umgekehrt steigt das Risiko mit der Konzentration des "schlechten" Cholesterins - dem sogenannten LDL (Low-density lipoprotein)-Cholesterin.

Bemerkenswerte Erfolge durch LDL-Absenkung

In den letzten Jahren ließen sich durch eine medikamentöse LDL-Absenkung - heute vorzugsweise durchgeführt mit Substanzen aus der Klasse der Statine - bemerkenswerte Erfolge erzielen. So senkt eine derartige Behandlung bei entsprechend gefährdeten Patienten das Risiko für schwere Gefäßkomplikationen wie einen Herzinfarkt um etwa 30 Prozent. Gleichwohl bleibt nach wie vor ein erhebliches Restrisiko bestehen, welches nun weiter gesenkt werden soll. Dass dies über eine Anhebung des "guten" HDL-Cholesterins möglich ist, hat nun die beim weltweit größten Kardiologen-Kongress in New Orleans vorgestellte ARBITER (Arterial Biology for the Investigation of the Treatment Effects of Reducing Cholesterol) 2-Studie gezeigt.

Fast die Hälfte der Patienten hatte bereits einen Herzinfarkt erlitten

Durchgeführt wurde diese Studie bei 167 Patienten, bei denen es bereits zu einer Herzerkrankung mit Beteiligung der Herzkranzarterien gekommen war. Fast die Hälfte der Patienten hatte bereits einen Herzinfarkt erlitten. Dieser tritt dann ein, wenn es zu einem kompletten Verschluss der das Herz mit Blut versorgenden Kranz- oder Koronararterien kommt. Ein derartiger Verschluss droht wiederum dann, wenn es zu einer Verdickung und Verengung der (Koronar)-Arterien kommt. Die Einlagerung von "schlechtem" Cholesterin in die Arterienwand hat in diesem Geschehen einen herausragenden Stellenwert.

Alle dieser Hochrisiko-Patienten waren bereits über mehrere Jahre mit Statinen behandelt worden und das "schlechte" LDL-Cholesterin war unter dieser Behandlung bereits ausreichend gesenkt. Alles andere als befriedigend waren jedoch die viel zu niedrigen Konzentrationen des "guten" HDL-Cholesterins, die im Durchschnitt nur bei 39 mg/dl lagen.

Nicht-invasiver Einblick in den Zustand der Arterien

Nach dem Einschluss in die Studie wurden die Patienten zwei homogenen Gruppen zugeordnet. In den folgenden 12 Monaten erhielt die eine Gruppe zusätzlich zu dem Statin eine moderne Darreichungsform der HDL-steigernden Nikotinsäure (z. B. Niaspan"), die restlichen Patienten weiterhin nur eine Statinbehandlung plus einem Scheinmedikament (Plazebo). Patienten und Prüfärzte wussten also nicht, ob die Patienten mit Nikotinsäure behandelt wurden oder nicht. Nach dem Studienende wurde geprüft, welchen Einfluss die entsprechende Therapie auf die Verdickung von Arterien hatte. Zu diesem Zweck wurde vor und nach Studienende an einer Halsarterie (Arteria carotis) eine bestimmte Schicht - nämlich die Intima-Media-Dicke (IMT) - auf nicht-invasive Weise mittels moderner Ultraschalltechnik gemessen. Dieser Messwert liefert auch eine zuverlässige Aussage darüber, wie es in anderen Blutgefäßen des menschlichen Körpers aussieht - beispielsweise in den Herzkranzarterien.

Eindeutige Ergebnisse zugunsten von Nikotinsäure

Die Ergebnisse der ARBITER 2-Studie waren eindeutig: Während es in der Gruppe der allein mit einem (LDL-senkenden) Statin behandelten Patienten zu einer Zunahme der Wanddicke um 0,044 mm gekommen war, war die Wanddicke unter der Kombination von Statin und Niaspan" praktisch unverändert geblieben (Zunahme um 0,014 mm). Mit 3,8 Prozent im Vergleich zu 9,6 Prozent unter alleiniger Statinbehandlung war auch die Rate jener Patienten, bei denen es im Studienzeitraum zu einer bedeutsamen Folgekomplikation der bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankung gekommen war, deutlich geringer.

Konsequenzen für die tägliche Praxis

Die Ergebnisse der Studie könnten das therapeutische Vorgehen in der täglichen Praxis nachhaltig beeinflussen, waren sich die in Frankfurt anwesenden oder per Video-Live-Konferenz zugeschalteten Experten einig. Welche Patienten derzeit eine HDL-erhöhende Therapie erhalten sollten, muss nach Einschätzung von Professor Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Berlin, in Abhängigkeit von der individuellen Risikokonstellation im Einzelfall geprüft werden. Einen besonders hohen Nutzen erwartet der Essener Kardiologe Professor Dr. Raimund Erbel bei Patienten mit Diabetes und Diabetes-Vorstufen (Metabolischem Syndrom).

Auch körperliche Aktivität kann das HDL-Cholesterin steigern

Charakteristischer Weise kommt es bei diesen Patienten nämlich unter anderem zu niedrigen HDL-Spiegeln. Die moderne, patentgeschützte Formulierung von Nikotinsäure - zeichnet sich gegenüber herkömmlichen Darreichungsformen durch eine entscheidend verbesserte Verträglichkeit aus. Unter den HDL-steigernden Medikamenten ist die Nikotinsäure derzeit der mit Abstand potenteste verfügbare Wirkstoff. In gewissen Grenzen lässt sich das HDL-Cholesterin auch ohne Medikamente günstig beeinflussen. So kann vermehrte körperliche Aktivität bei vielen Patienten einen nennenswerten Anstieg bewirken. Ob dieser - sofern er denn wirklich erreicht wird - im konkreten Fall ausreichend ist, muss der Arzt abhängig von der individuellen Risikokonstellation entscheiden.

Quelle: Pressemeldung Merck Serono GmbH

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